Mittwoch, 13. September 2017

#EinfachMachen: Ein Tag alleine im Freibad


Für einige mag es nicht der Rede Wert sein, für mich war dieser Tag im August ein ganz großer. Ich bin alleine ins Freibad gegangen. Das erste mal in meinem Leben. Ich mache viele Dinge alleine. Auch gerne alleine. Aber eben nicht so Sachen wie schwimmen gehen. Mag daran liegen, dass ich nicht gerne schwimme. Oder mich im Bikini zeige. Im Urlaub ist das noch irgendwie OK, aber zu Hause? Nein.


Ich möchte sagen, dass ich Freibäder sogar eigentlich hasse. Ja, dieses Wort ist das Richtige. Hass. Auf alles dort. Die glitschigen Böden in der Umkleidekabine. Überhaupt, Umkleidekabinen. Mag ich nicht. WCs in Schwimmbädern mag ich auch nicht. Und die Menschen die dort sind auch nicht. Alle wirken so, als würde es ihnen überhaupt nichts ausmachen hier halbnackt rumzulaufen. Macht nur mir das etwas aus?


Ich weiß ungefähr warum ich mich so wahnsinnig unwohl fühle. Ich bin sehr kurzsichtig und das schon immer. In der Schule musste ich am Schwimmunterricht ohne Brille teilnehmen. In einem Alter, in dem man sowieso unsicher ist, seinen Körper oft nicht mag und Jungs ziemlich fies sein können. Und das dann ohne richtig sehen zu können, das war für mich die Hölle. Seitdem sind für mich jegliche Schwimmaktivitäten gestorben. Inwischen bin ich Kontaktlinsenträgerin. Das macht es mir deutlich leichter ins Wasser zu gehen. Aber wirklich leicht fällt es mir immer noch nicht. In meinem Körper fühle ich mich weiterhin nicht 100%ig wohl und auch wenn die Jungs inzwischen Männer sind, fies können diese immer noch sein. Und Frauen erst recht. Dies alles nicht mehr so nah an mich ran zu lassen, daran arbeite ich aktuell: Mich nicht mehr wegen negativen Gedanken und Ängsten von Dingen abhalten zu lassen.


Ich beschäftige mich aktuell mit dem Thema Selbstwert. Und in dem Zusammenhang bin ich auch aktiv auf der Suche nach Zufriedenheit und Glück. Ich habe den Gang ins Freibad also gewagt. Gewagt schwimmen zu gehen. Ich habe meine selbst gesetzte Grenze in meinem Kopf überschritten, habe trotz aller Bedenken meine Badesachen gepackt und bin ins Freibad geradelt. Am heißesten Mittwoch im August 2017. Weil ich plötzlich Bock hatte zu testen, wie schlimm es wirklich ist. Vorstellung vs. Realität. Und ob es nicht vielleicht doch ein schöner Sommertag werden könnte für mich, alleine im Freibad.


Zum Gang ins Freibad haben mich Fotos auf Instagram, von Menschen die Freibadschwimmbecken fotografiert haben, inspiriert. Dieses klare, blaue Wasser. Der bei mir nicht existente Sommerurlaub. Diese Hitze hier in Süddeutschland. Dieser Sommer, der bisher zu selten nach Sonnencreme gerochen hat. Das wollte ich ändern. Und die arbeitenden Sebstwertgedanken in meinem Kopf haben mir gesagt, scheiß auf Dein unbehagen Dich im Bikini zu zeigen. Geh raus und hol Dir das Sommergefühl. Dein Sommergefühl. Einfach machen. Wenn es sich nicht gut anfühlt, dann geh einfach wieder nach Hause. Du braucht wirklich niemanden auch nur irgendetwas zu beweisen. Und Dir selbst erst recht nicht.


Und das habe ich auch getan. Ich wohne noch nicht allzulange hier in diesem Ort, ich kannte das Freibad bisher gar nicht. Also bin ich erstmal mit dem Fahrrad einmal drumherum gefahren. Habe versucht durch die Zäune und Hecken zu schauen. Freie Liegewiesenplätze gesucht. Sah gar nicht so schlimm aus, im hinteren Teil der Anlage war noch viel Wiese frei. Also Fahrrad abgestellt und Eintritt gezahlt. Herzklopfend am Schwimmerbecken vorbei gelaufen. Überall Menschen. Nackte Beine, Arme, Bäuche, Rücken. Dick, dünn, hell, dunkel, rot. Kinder. Schreiende Kinder. Der Geruch von Pommes. Menschen die Zigaretten rauchen. Vor dem Freibadkiosk sitzen und Wurst essen und Bier trinken. Ich laufe weiter, schaue mich um. Hier vorne ist es sehr voll und laut. Am Kinderbecken angelangt ist kaum Becken vor lauter Kindern zu sehen. Ich habe das Gefühl, es riecht leicht nach Pipi. Ich gehe weiter.


Endlich bin ich am Spielplatz angekommen. Hier wird es langsam leerer. Und ein Stückchen weiter ist sogar freie Wiese zu sehen. Dort will ich hin. Ich breite meine Flugzeugdecke und mein Handtuch aus. Ich fühle mich gar nicht so unwohl. Den Weg in die Umkleiden spare ich mir, ich habe den Bikini schon unter meinen Klamotten an. Also einach nur ausziehen und in die Sonne legen. Ich habe Essen dabei und einen kühlen Eiskaffee. Den gönne ich mir erstmal auf den Schreck jetzt hier zu sein. Ich liege im Freibad. Einfach so. Niemand interessiert sich für mich. Die Kinder kreischen und ich find das ist jetzt genau so, wie es sein sollte. Um mich rum freie Wiese und über mir blauer Himmel. Ich krame meine Sonnencreme aus meiner Tasche.


Etwas amüsiert mich die Lage des Freibads. Es heißt "Neckarfreibad" und liegt tatsächlich direkt am Neckar, nur durch einen Zaun und einen Radweg vom Fluss getrennt. Man sieht den Neckar nicht, was nicht so schlimm ist. Er ist nicht so schön an dieser Stelle. Aber falls jemand auf die Idee kommen sollte, ach wie idyllisch, ein Freibad direkt am Fluss... nein! Ich habe einen guten Blick auf die B10, die Schnellstraße nach Stuttgart, direkt auf der anderen Seite vom Fluss. Strandkörbe und LKWs. Ein bisschen Ostseefeeling vor Ballungsraumkulisse. Es stört mich heute überhaupt nicht.


Nachdem ich etwas die wärmende Sonne genossen, gelesen und mir den Bauch mit mitgebrachten Leckereien vollgeschlagen habe, gehe ich schwimmen. Wieso sich an die Regel halten, nach dem Essen nicht schwimmen zu gehen. Pah! Jetzt erst recht. Und dann bin ich tatsächlich im Schwimmerbecken. Ich bin schneller drin als gedacht. Es fühlt sich weniger schlecht an als erwartet. Ich schau mich etwas um. Leute mit Sonnenbrillen auf Badetüchern. Familien mit aufblasbaren Tieren. Alle tummeln sich um das Becken. Im Becken sind Menschen mit Schwimmhauben und Schwimmbrillen. Professionell kraulen sie an mir vorbei. Fokussiert schwimmen die Badegäste ihre Bahnen. Ich reihe mich ein. Ich schwimme. Als einzige hier halte ich meinen Kopf über Wasser und mache Brustschwimmen. Ich kann nicht kraulen. Ich kann noch nicht mal richtig Brustschwimmen. Und das ist gerade wirklich egal. Hauptsache schwimmen. Mir macht das alles hier gerade irgendwie Spaß.


Dieser Tag alleine im Freibad hat mir wahnsinnig gut getan. Ich war inzwischen noch weitere zwei mal schwimmen, beim letzten mal immerhin 500 Meter. Für eine Anfängerin nicht so schlecht. Und ich habe vor das weiter zu machen. Nächster Schritt: Das örtliche Hallenbad austesten. Inzwischen ist es September und das Wetter wird schlechter. Ich möchte mir einen Badeanzug und eine Schwimmbrille kaufen. Um im Herbst und Winter weiter schwimmen zu gehen. Alleine. Weil es mir unerwartet viel Spaß macht und mir anscheinend gut tut. Damit habe ich so gar nicht gerechnet. Ich bin geradezu stolz auf mich. Ein fantastisches Gefühl. Ungewohnt, aber mein Selbstwert freut sich sehr. Einfach machen, in kleinen Dingen austesten. Erfolge, so klein diese auch sind, feiern. Weiter machen. Dran bleiben. Und das Gefühl teilen. Mut machen. Einfach mal ins Becken springen ist dann mein nächstes Ziel.

Da man im Freibad eigentlich keine Fotos machen darf, habe ich stets versucht, leere Orte zu fotografieren. Ich will schließlich auch nicht dort abgelichtet werden. Also: Es war sehr viel voller als es jetzt auf den Bildern scheint.

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